Teilen = Wachsen

Bestsellerautor Marc Elsberg im Interview

Wir sprachen mit dem österreichischen Bestsellerautor über seinen aktuellen Wissenschaftsthriller „Gier“.

 

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Herr Elsberg, in Ihrem aktuellen Thriller „Gier“ deckt ein Forscher einen 300 Jahre alten Rechenfehler in unserem Wirtschaftsdenken auf. Nach seiner Formel funktioniert wirtschaftliches Wachstum besser durch Kooperation und Umverteilung als durch Wettbewerb und Konkurrenz. Ist da etwas dran?

Absolut. Das kann man jederzeit nachlesen und -rechnen in den Lecture Notes des London Mathematical Laboratory. Dort arbeiten nämlich die Leute, die den Fehler entdeckten. Im Gegensatz zu den Londonern, denen es vor allem um die grundlegenden mathematischen Modelle geht, entwickelt der fiktive Nobelpreisträger in „Gier“ auf Basis dieser Arbeiten auch weiter gehende Politikempfehlungen, die nicht jedem gefallen. Das kostet ihn im Buch das Leben.

Für „Gier“ haben Sie komplexe mathematische Zusammenhäng mit einer Bauernfabel verständlich gemacht. Wie viel Recherche war dafür notwendig?

Die Recherche war groß, noch wichtiger war diesmal jedoch, die Konzepte zu verstehen – ökonomische, politische. Sowohl die bestehenden, als auch die neuen. Und sie so darzustellen, dass auch Laien sie verstehen können.

Ihr neues Buch thematisiert außerdem die Polarisierung in unseren Gesellschaften: also Reiche gegen Arme, Junge gegen Alte, Inländer gegen Ausländer. Kann ein Buch ein größeres Bewusstsein dafür schaffen?

Das Bewusstsein für die Polarisierung ist längst da. Jetzt gilt es, Bewusstsein für Lösungen zu schaffen.

Früher haben Sie Kriminalromane geschrieben. Wann haben Sie bemerkt, dass der Wissenschaftsthriller Ihre eigentliche Stärke ist?

Während ich den ersten – Blackout – entworfen und zu schreiben begonnen habe. Wobei ich Wissenschaftsthriller nicht als Stärke bezeichnen würde, sondern ich habe größeres Interesse daran gefunden als an „klassischen“ Krimis. Und es gibt viel weniger davon, wahrscheinlich, weil sie viel mehr Arbeit machen. Aber, wer weiß, vielleicht schreibe ich auch wieder einmal etwas anderes. Ideen hätte ich genug.

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Alle vier Thriller, die von Ihnen seit 2012 erschienen sind, sind Spiegel-Bestseller. Was macht Ihre Bücher so erfolgreich?

Vermutlich die Mischung – aus spannender Handlung, solider Recherche, überraschenden Neuheiten und verschiedenen Perspektiven auf das Thema, sodass sich alle eine Meinung bilden können.

Bei Ihnen geht es immer um „schwierige Themen“ wie Energie, Gentechnik, Globalisierung und die Überwachungsgesellschaft. Woher kommt das Interesse für komplexe Themen?

Weil die einfacheren Themen ohnehin ausreichend erklärt und erzählt sind.

Als Strategieberater und Kreativdirektor in einer Werbeagentur haben Sie Autos, Banken und Politikern ein positives Image verschafft. Ihre Bücher sind dagegen oft kapitalismus- und gesellschaftskritisch angelegt. Wann haben Sie „die Seiten gewechselt“?

Kritisch war und bin ich bestimmten Entwicklungen gegenüber. Wie ich in „Gier“ ja erkläre, hat man uns zum Beispiel den Kapitalismus in den vergangenen Jahrzehnten schlicht falsch erklärt. In „Gier“ stelle ich ein ganz grundlegendes Prinzip vor: schnelleres und höheres Wachstum dank bestimmter Kooperationsformen, namentlich Pooling und Sharing. Das kennt die ökonomische Theorie so schlicht und einfach nicht. Bislang arbeitet sie vorwiegend mit Nullsummenspielen. Was man den einen geben will, muss man den anderen wegnehmen. Durch das Festhalten an diesen problematischen Konzepten gehen uns gewaltige Gestaltungmöglichkeiten verloren.

Kritiker bescheinigen Ihnen, dass Sie hervorragend recherchieren. Was ist in Ihren Büchern wichtiger: die Fakten und die Botschaft oder die Geschichte, die darum entsteht?

In einem Wissenschaftsthriller kann das eine nicht ohne das andere bestehen. Daher ist mir beides wichtig.

Sie haben als erster Autor zwei Mal die Auszeichnung „Wissensbuch des Jahres“ erhalten. Was bedeutet Ihnen das?

Es ist eine schöne Bestätigung meiner Arbeit.

Gibt es weitere Themen, die Sie „beackern“ möchten? Haben schon einen Plot für Ihr nächstes Buch im Kopf?

Einige. Welche, das verrate ich nicht.

Was ist für Sie gesellschaftlich gesehen die größte Herausforderung der kommenden Jahre?

Die friedliche Organisation und Weiterentwicklung unserer Gesellschaft. Dazu müssen wir wieder langfristiger und konstruktiver denken und handeln. Und wir müssen beginnen, Lösungen auch außerhalb technologischer Neuerungen zu suchen, beziehungsweise – wenn es welche gibt, wie das in „Gier“ vorgestellte Prinzip – anzuwenden. Dann lassen sich auch Herausforderungen wie die drohende Klimakatastrophe und andere bewältigen.

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Marc Elsberg wurde 1967 in Wien geboren und wuchs in Niederösterreich auf. Er begann ein Studium für Industriedesign an der Universität für angewandte Kunst in Wien und war Strategieberater sowie Kreativdirektor für Agenturen in Wien und Hamburg. 2012 gelang ihm der literarische Durchbruch mit „Blackout“. Dann folgten „Zero“, „Helix“ und „Gier“, die alle auf der Spiegel-Bestsellerliste landeten.