Sammle Momente, nicht Dinge

Trendforscherin OOna Horx-Strathern im Interview über Megatrends und Smart Cities, die Energiewende und die Zukunft der Mobilität.

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Frau Strathern, Sie beschäftigen sich mit Megatrends, also damit, wie wir in Zukunft leben werden. Worum geht es da?
Megatrends sind jene Trends, die epochalen Charakter haben. Ihre Halbwertszeit (die Zeit bis zum Zenit ihrer Wirksamkeit) beträgt mehrere Jahrzehnte. Das entscheidende Merkmal von Megatrends ist aber weniger ihre Dauer, sondern ihr „Impact“. Sie verändern nicht nur einzelne Segmente oder Bereiche des sozialen Lebens oder der Wirtschaft. Sie formen ganze Gesellschaften um. Sie sind nicht nur Oberflächenbewegungen, sondern Tiefenströmungen des Wandels. Sie fassen verschiedene Wandlungsbewegungen – technologische, soziale und ökonomische – zu „Clustern“ zusammen.

Wie sollen wir uns die Smart Cities der Zukunft vorstellen?
In der klassischen Smart City geht es primär um gute Technologien, um schnelles Internet, digitale Verwaltung, flüssigen und pünktlichen Verkehr. Eine richtig intelligente Stadt hingegen stellt die Verbundenheit der Menschen ins Zentrum. Technologie kann zu dieser Verbundenheit beitragen, sie aber nicht herstellen. Alexa Clay, die mit ihrem Alter Ego „The Amish Futurist“ die Schattenseiten digitaler Technologien aufzeigt, hat dies in der Frage ausgedrückt: „Wie können wir unser Online-Leben benutzen, um unser Offline-Leben zu verbessern?“ In der Philosophie von Jan Gehl, Begründer des neuen Urbanismus und einer der einflussreichsten Stadtplaner der Welt, lautet die Formel: „First life, then spaces, then buildings“ – erst das Leben, dann die Räume, dann die Gebäude. Das macht eine City richtig smart!

Was heißt „smart“ für Sie in Bezug auf Mobilität?
Ich glaube wir sollten über Mindful Mobility nachdenken. Mindful Mobility heißt für mich achtsam im Straßenverkehr zu sein. Acht zu geben auf das, was um einen herum geschieht. Es gab da eine interessante Studie aus den Niederlanden, Wissenschaftler haben untersucht, was es bedeutet, in einer verkehrsreichen Gegend alle Ampeln und Straßenschilder zu entfernen. Die Autofahrer waren plötzlich viel aufmerksamer und haben ihre Umgebung wieder wahrgenommen. Das wäre meine Botschaft an das autonome Fahren von Morgen: Schenkt eurem Umfeld und den Fußgängern mehr Beachtung! Gerade Sehbehinderte haben in diesem Zuge Angst vor der „stillen Stadt“, in der Elektroautos fahren.“
Achtsam bedeutet für mich auch eine Stadt mit mehr E-Autos und Fährrädern. Es wird ruhiger und weniger hektisch werden. Ich weiß es aus eigener Erfahrung: Mit elektrischen Autos fährt man viel bewusster, weil man genau wissen muss, wann man Strom nachlädt und das Rasen viel Batterie verbraucht.

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Bis wann, denken Sie, sind auf unseren Straßen tatsächlich keine Verbrennungsmotoren mehr unterwegs?
Momentan wird alles umgekrempelt. Frankreich und England haben angekündigt, den Verkauf von Fahrzeugen mit fossilen Antrieben ab 2040 zu verbieten. Solange die Auto- und Ölindustrie so stark ist – und wenn nicht jedes Land weltweit dem Beispiel Frankreichs und Großbritanniens folgt –, wird es wahrscheinlich noch mindestens 100 Jahre dauern, bis auf unseren Straßen tatsächlich keine Verbrennungsmotoren mehr unterwegs sind.

Mittlerweile wird in Sachen E-Mobilität zu Erde, zu Luft und zu Wasser geforscht. Wenn das wirklich kommt, was heißt das für unsere Stromversorgung?

Energie und vor allem erneuerbare Energie sind nicht das Problem. Mit Fortschritten in der Solartechnik werden wir theoretisch genug Energie haben. Das Problem, oder besser gesagt, die Herausforderung, sind die Verteilungsnetze und der Speicher. Wir brauchen auch eine gute Infrastruktur von Ladestationen, um die Nutzung von E-Autos zu fördern.

Ist die E-Mobilität wirklich die beste Lösung oder kommt da demnächst noch etwas ganz anderes?

E-Mobilität ist wirklich ein Paradigmenwechsel – sie erfordert eine völlig neue Art zu denken, zu fahren und Mobilität zu organisieren. Ich glaube, sie ist die beste Lösung für die Zukunft der Mobilität.

Wie schätzen Sie die Wünsche und Bedürfnisse der Generationen Y und Z in Bezug auf Mobilität ein?
Die haben mit geringerer Wahrscheinlichkeit einen Führerschein, und wenn sie fahren, nutzen sie eher Carsharing als ein eigenes Auto. Ihr Motto lautet: „Sammle Momente, nicht Dinge“. Das heißt, sie investieren lieber Geld und Energie in Erfahrungen als in Objekte. Warum sollten Sie sich mit dem Besitz und der Wartung eines Autos ärgern – vor allem in einer Stadt – wenn Sie eines von vielen Leihautos nützen können?

Co-Living ist für Sie eine sozialdemokratische Notwendigkeit. Was heißt das in Bezug auf unsere Mobilität?
Jeder Trend hat einen Gegentrend und Individualität erzeugt einen Trend innerhalb einer Gemeinschaft. Deshalb gibt es in den Städten einen massiven Trend zum „neuen Kooperatismus“: Von Co-Living und Co-Mobility über Co-Working bis zu Co-Gardening. In vielen der neuen Co-Living Spaces werden E-Autos geteilt. In solchen Wohnanlagen gibt es absichtlich wenig oder gar keine Garagen und deshalb einen geringen Anteil an eigenen Autos.

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Viel wird über autonome Fahrzeuge und Robotik diskutiert. Ist das auch ein Megatrend der Zukunft oder eher eine Spielerei?
Autonome Fahrzeuge sind zwar faszinierend, haben aber bis heute kein plausibles Geschäftsmodell. Sie sind bislang eine heiße Fantasie der Autobauer und technisch fixierten Futuristen, ein typischer „future hype“. Erstens will die Mehrheit der Autofahrer – vor allem Männer – das Steuer nicht so gerne loslassen. Zweitens werden die technischen Probleme unterschätzt. Vor allem in der Stadt ist die Komplexität der Umweltbewegungen extrem hoch, und ein, „vorsichtiges“ autonomes Auto würde wahrscheinlich ständig stehen bleiben.

Man müsste also die Städte FÜR die autonomen Autos umbauen, oder mit kleinen „Pods“ – langsamen Kapseln wie den ersten Google-Autos – Vorlieb nehmen. Das wird aber teuer, gerade weil die Städte heute eher wieder bürger- und fahrradfreundlich umgestaltet werden. Jeder Unfall würde die Genehmigungen für das autonome Fahren verzögern oder gefährden. Auf den Autobahnen kann es schneller gehen, aber hier sind natürlich auch die Unfälle drastischer, und die Systemabhängigkeit ist größer. Für echt autonome Fahrzeuge der Stufe 5 müssten Baustellen ganz anders gestaltet werden, neue Regeln gelten, und vor allem müssten ALLE Autos autonom fahren, nicht nur einige wenige, was dann auch sehr teuer wäre. Man sieht, so einfach wie in den Zukunfts-Prognosen der Autoindustrie ist das nicht …

Energiegewinnung und -versorgung müssen radikal umgebaut werden, um die Energiewende zu schaffen. Sind wir aus Ihrer Sicht am richtigen Weg oder noch nicht?
Erneuerbare Energie ist die Zukunft – und sie ist unbegrenzt. Die Herausforderung besteht darin, sie zu übertragen und zu speichern. Was wir brauchen, sind Gebäude, die mehr Energie produzieren als sie verbrauchen, die mit einem Netzwerk verbunden sind, das es Ihnen ermöglicht, die Energie zu Spitzenzeiten an diejenigen Gebiete zu verteilen oder zu verkaufen, die sie benötigen.

Ist das derzeitige Tempo beim Ausstieg aus den fossilen Energien schnell genug oder sollten wir im übertragenen Sinne „Gas geben“?
Wenn England und Frankreich ihre Ankündigungen wahrmachen, wird es dort kaum noch Benziner und Diesel-Fahrzeuge auf den Straßen geben. Ich warte nur darauf, dass sich Deutschland anschließt. Wahrscheinlich erscheint das den Deutschen momentan undenkbar, es ist jedoch die richtige Strategie. Wir sollten es nicht allein der Autoindustrie überlassen, solche Anreize zu schaffen, sondern die lokale Politik muss Elektromobilität viel stärker fördern. Das ist vor allem eine Aufgabe der Bürgermeister und Stadtverwaltungen.

Wie sind Sie selbst zwischen Deutschland, England und Österreich unterwegs?
Wo möglich fahre ich mit meinem E-Auto. Auch für längere Strecken, da ist das Ladenetz sehr gut ausgelegt. Wenn ich fliegen muss, nehme ich immer E-Taxis in Wien zum Flughafen. Aber ich nehme auch gerne den Zug.

Oona Horx-Strathern, CEO des Zukunftsinstituts Horx, stammt aus London. Sie ist seit über 20 Jahren als Trendforscherin, Beraterin, Rednerin und Autorin tätig. Als Trend-Consultant berät sie internationale Firmen. Ihr Leben teilt sie zwischen Deutschland, England und dem „Future Evolution House“, das sie mit ihrem Mann Matthias Horx in Wien baute.